Thomas Doll krempelt Hannover im Nichtabstiegskampf um

Sein Tempo ist beachtlich. Nach weniger als zwei Wochen im Amt hat Thomas Doll schon die gesamte Bandbreite genutzt, der sich ein neuer Cheftrainer bedienen kann. Mutig angetreten, Debüt verloren, die Spieler herb kritisiert und dann doch wieder neue Zuversicht verbreitet: Es erscheint merkwürdig, mit welchen Kapriolen sich Hannover 96 dem vermeintlich wichtigsten Moment der Saison angenähert hat. „Klar, das ist ein Endspiel. Aber danach haben wir noch 13 Endspiele“, sagt Doll über das Duell mit dem 1. FC Nürnberg (15.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-Bundesliga und bei Sky). Es wird noch nicht entscheidend für den Abstiegskampf der Liga sein. Aber von der Begegnung ist das Signal zu erwarten, ob die Spieler verstanden haben, was Doll fordert.

Angeblich herrscht Einigkeit zwischen dem neuen Trainer und der erfolglosen Mannschaft. „Die Jungs haben Bock, das Ding zu rocken“, behauptet Doll. Sein Vokabular verrät, wie er es angehen will. Nach dem 0:3 bei seinem Debüt gegen RB Leipzig hatte der ehemalige Nationalspieler in Hannover nahezu alles in Frage gestellt und die Arbeit seines Vorgängers André Breitenreiter kritisiert. Als erfahrener und impulsiver Cheftrainer weiß Doll genau, wie man Profis bei der Ehre packen kann. Aber war seine Schelte nicht doch ein wenig zu heftig ausgefallen? „Es macht keinen Sinn, drum herumzureden. Der Zeitpunkt war absolut notwendig. Ich war nicht erstaunt und erschrocken“, sagt Sportdirektor Horst Heldt. Er will mit Macht noch die Korrektur der Lage erzwingen lassen. An der Frage, wie man diese Mannschaft um den erst 22 Jahre alten Kapitän Waldemar Anton anpacken soll, reiben sich alle Verantwortlichen.

Hannover 96 stellt das heimschwächste Team der Liga. Präsident Martin Kind gerät angesichts des drohenden Abstiegs immer mehr in die Kritik. Dass nur rund 35.000 Zuschauer zum wichtigen Duell zwischen dem Tabellenletzten und dem Tabellenvorletzten erwartet werden, sagt viel über die Gemengelage aus. Den Fans, Spielern und Entscheidern sind der Spaß und die Leichtigkeit am Erstliga-Fußball abhandengekommen. Doll wirkt fast hyperaktiv. Heldt sieht, wenn er neben dem Trainer sitzt, müde aus. Die Spieler sind ratlos. „Die Bälle kommen relativ postwendend zurück“, sagt Torhüter Michael Esser, wenn er beschreiben soll, was sich in der eigenen Spielhälfte aus seiner Sicht abspielt. Ein Defizit an Können, Lockerheit und Mut verhindert, dass der Gegner unter Druck gesetzt werden kann. „Nur verkrampft und griesgrämig kann man keine Topleistung abrufen“, findet Doll. Also treibt er an, setzt Reizpunkte, macht Witze und verlangt doch volle Konzentration.

Natürlich ist das Heimspiel gegen den 1. FC Nürnberg einer der letzten Strohhalme für Hannover 96. Nach einer bisher enttäuschenden Saison ist das Bündel an aufrüttelnden Maßnahmen so gut wie aufgebraucht. Den Spielern war ein Teil des Weihnachtsurlaubs gestrichen worden. Mit Nicolai Müller (Eintracht Frankfurt) und Kevin Akpoguma (TSG Hoffenheim) wurde auf Leihbasis personell nachgebessert. Der in Hannover schon gescheiterte Stürmer Jonathas ist plötzlich wieder eine Hoffnung. Der Brasilianer besitzt aber wenig Spielpraxis. Über seine aktuelle Fitness lässt sich streiten. Trotzdem auf einen Hünen wie ihn zu setzen, ist der Griff zur Brechstange.

Doll und seine 96-Profis: Reizpunkte will er setzen und keine Rücksicht auf Einzelne nehmen.

Doll scheut sich nicht davor, diesen letzten Hauch von Teamstruktur aus der Ära Breitenreiter durch Umstellungen zu zerstören. Er ist auf der Suche nach Spielern mit Herzblut, Erfahrung und Stabilität. Es soll endlich wieder gekratzt, gebrüllt und gekämpft werden. „Wir müssen uns mehr anmachen“, fordert Doll von einem Team, in dem es nach Monaten des Misserfolgs keinen Vorreiter mehr gibt. Seine Stimme hat in der Vorbereitung auf das Spiel gegen den „Club“ arg gelitten. Hier verschafft sich ein Cheftrainer auf eine Art Gehör, die stark zuspitzt. Sie ist der Grund, warum Doll in Hannover nach mehr als zehn Jahren außerhalb der Bundesliga beweisen darf, was er kann.

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