Nürnbergs komplizierte Liebe zu Aufstiegstrainer Köllner

Es ist eine hübsche kleine Frechheit: Neuerdings wirbt der HC Erlangen direkt am Eingang des Vereinsgeländes des 1. FC Nürnberg per Plakatwand für Bundesliga-Handball. „Weil du Sieger liebst“, lautet der Gruß aus der Nachbarstadt – an einen „Club“, bei dem man immer lernen musste, auch Verlierer zu lieben. Das gelang auf oft rührende Weise; die Treue zum 1. FC Nürnberg hängt nicht nur von Ergebnissen ab, sie verlangt Leidensfähigkeit und lehrt Demut. „Was auch immer passiert: Wir lieben dich sowieso“, steht auf einem riesigen Banner in der Nordkurve des Stadions.

Wer kämpft, darf verlieren, das ist der Kern der Botschaft. Es könnte das Motto für den Rest einer Saison sein, die den 1. FC Nürnberg an diesem Samstag als Vorletzten der Fußball-Bundesliga zum Letzten Hannover 96 führt (15.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-Bundesliga und bei Sky). Verliert der „Club“, dürfte die letzte kleine Chance auf den Klassenverbleib verspielt sein – und entscheidend dürfte bleiben, wie der „Club“ absteigt. Denn ganz bedingungslos ist auch diese Liebe nicht, die irritierende Vorstellung beim Pokal-Aus in Hamburg hat zwischen Wut und Resignation alles abgedeckt auf dem Stimmungsbarometer. Vier Tage vor dem mutmaßlichen Schicksalsspiel in Hannover hatte der 1. FC Nürnberg nicht nur wie ein Absteiger, sondern wie ein hoffnungsloser Fall ausgesehen. Beim Anhang kam das entsprechend an – von der Aufbruchstimmung des Sommers, die den Verein über eine erwartet schwierige Spielzeit tragen sollte, ist im grauen Februar fast nichts mehr übrig.

„Das hängt auch mir noch in den Klamotten“, sagt Trainer Michael Köllner, der die große Mission Bundesliga mit einem ganz anderen Anspruch angetreten war, heute aber – nach 14 Bundesligaspielen nacheinander ohne Sieg – ein Gesicht der Krise ist. Man sieht Köllner die Ernüchterung nicht an, er wirkt weder wütend noch gereizt, im Gegenteil, man erlebt ihn ruhig und sachlich, er pflegt seine höflichen Umgangsformen und hat sich in beinahe bewundernswerter Weise im Griff.

Wenn es laut in der Kabine wird, war es nicht Köllner

Aber ob das im Blick auf die Mannschaft auch noch gilt, ob sie Köllner noch versteht, das ist eine der vielen Fragen, die spätestens der Auftritt beim 0:1 in Hamburg aufgeworfen hat. „Die Mannschaft hat noch nie für mich gespielt“, lautet Köllners Antwort darauf, „sondern immer für den Verein.“ Sinngemäß dasselbe sagt er über seinen Umgang mit dem diffusen Phänomen, das die Fachsprache „Druck“ nennt. „Die Frage ist, was mir hilft“, überlegt Köllner, und: „Es geht um den Verein und nicht um mich, ich habe keine Zeit und keine Energie, mich mit Szenarien zu beschäftigen, was sein könnte.“

In der Aufstiegssaison noch umjubelt: Nürnberg-Trainer Michael Köllner im Mai 2018

Was Köllner helfen würde, wäre ein Sieg am Samstag; geht es schief in Hannover, könnte alles vorbei sein. Die unausgesprochene Frage hinter allen Fragen ist natürlich die, ob es dann mit Köllner als Trainer weitergeht – so, wie es dem Verein auch für den Abstiegsfall vorschwebte, im Sinne einer kontinuierlichen Entwicklung. Ob eine solche gerade noch stattfindet, ist aber schon die nächste Frage. Andreas Bornemann ist dabei ein stiller Zuhörer des Trainers im Pressekonferenzraum, der Sportvorstand ergreift nicht das Wort, aber manchmal ist es vielleicht sogar besser, nichts zu hören.

In Hamburg soll Thomas Grethlein in der Teamkabine sehr laut geworden sein, der Aufsichtsratsvorsitzende ist der höchste Repräsentant des Vereins, die Stimme der Mitglieder. Was er sagte? „Da war ich wohl nicht da“, sagt Köllner, ein Trainer verbringt nach solchen Spielen ja viel Zeit vor Kameras und Mikrofonen. Grethlein sagt, er habe seine Enttäuschung loswerden wollen. Auch im Aufsichtsrat verfolgt man die Entwicklung sehr aufmerksam, „wir stellen uns allen Fragen, die es gibt“, sagt Grethlein. Die wichtigsten werden auf dem Platz beantwortet. Jetzt in Hannover.

Share

You may also like...