Lindsey Vonn: Die letzte Vorstellung der Drama-Queen

Man nennt es Skizirkus. Warum eigentlich? Weil die Alpinen durch die Welt ziehen, von Ort zu Ort, ihr Programm abspulen, Zelte auf- und abbauen, immer unterwegs sind und scheinbar nirgendwo zu Hause? Und weil Artisten ihre Kunststückchen zeigen, durch Stangenwälder brettern, Eispisten hinunterjagen, in Fangnetze knallen? Ja, das hat ein bisschen was von Zirkus. Aber richtig Zirkus, das machte in den vergangenen Jahren nur eine, und die hört an diesem Sonntag auf: Lindsey Vonn, 34 Jahre alt, Amerikanerin, eine der besten Skirennläuferinnen, die es jemals gab, und ganz bestimmt die nervigste.

Michael Eder

Wenn dieser Sonntag vorbei ist, ihr letztes Rennen, ihre letzte Abfahrt (12.30 Uhr in der ARD und Eurosport), wenn die Amerikanerin mit Tränen in den Augen und womöglich sogar mit einer Medaille um den Hals den Zirkus verlassen hat, dann werden viele Konkurrentinnen drei Kreuze machen und sagen: Gott sei Dank. Die Tage in Åre in Schweden, wo in diesen Tagen die Weltmeisterschaften stattfinden, können noch einmal als Musterbeispiel dienen, wie sich Lindsey Vonn selbst inszeniert, wie sie sich mit allen Mitteln ins Rampenlicht schiebt, wie sie Fahrerinnen zur Seite drängt, die längst viel besser sind als sie, ihre fabelhafte Teamkollegin Mikaela Shiffrin vorneweg.

Lindsey Vonn spielt in Åre noch einmal alle ihre Rollen, wie sie das seit Jahren tut. Sie ist die Drama-Queen, von Schmerzen gebeutelt nach ihrem Sturz im Super-G und den Folgen einer überlangen Karriere mit zahlreichen Verletzungen. Sie ist die enttäuschte Superfrau, die nicht mehr schafft, was sie in den Jahren zuvor immer wieder verkündet hat: dass sie in der Abfahrt gegen Männer fahre, dass sie Ingemar Stenmarks Rekord angreifen werde, dessen 86 Weltcupsiege.

Lindsey Vonn ist noch immer eine beachtenswerte Artistin auf den Ski, sie ist aber auch der krampfhaft überdrehte Pausenclown, der sich für nichts zu schade ist. Auf Pressekonferenzen pflegt sie ihr Schoßhündchen Lucy mitzubringen, das macht sich immer gut auf Fotos, und sie hat auch vieles andere im Repertoire. Bei den Olympischen Spielen in Südkorea vergoss sie im vergangenen Jahr auf einer Pressekonferenz bittere Tränen, weil ihr Opa gestorben war.

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