Kinderbücher und Karikaturen: Der französische Zeichner und Autor Tomi Ungerer ist tot

Der französische Zeichner, Karikaturist und Kinderbuchautor Tomi Ungerer ist tot. Er starb im Alter von 87 Jahren in Irland im Haus seiner Tochter, wie mehrere französische Medien übereinstimmend an diesem Samstag berichteten.

Tomi Ungerer stammt aus einer elsässischen Uhrmacherdynastie. Er wurde am 28. November 1931 in Straßburg unter dem Namen Jean-Thomas als viertes Kind und jüngster Sohn von Theodore Ungerer und Alice geboren. Sein Vater, ein Uhrenfabrikant, Künstler und Historiker, starb 1935 an den Folgen einer Blutvergiftung. Schon als Kind begann Ungerer zu zeichnen. Das Bartholdi-Gymnasium in Colmar verließ Ungerer, im Zeugnis als „pervers und subversiv“ bezeichnet, ohne Abitur. Mit 19 Jahren reiste er über England nach Skandinavien und fuhr mit einem Fischer nach Island. 1952 ging er zur Fremdenlegion nach Algerien, wo er bei einem Kamelritt durch die Wüste beinahe verdurstete. Im Oktober 1953 nahm Ungerer in Straßburg ein Zeichenstudium auf, das er aber bereits im Folgejahr wieder abbrach.

Er arbeitete für verschiedene elsässische Unternehmen als Werbeillustrator und reiste quer durch Europa, ehe er 1956 mit Dollar in der Tasche nach New York übersiedelte. In Amerika arbeitete er erfolgreich als Werbezeichner und Autor. 1957 veröffentlichte er im Harper Verlag sein erstes preisgekröntes Kinderbuch, die Schweinchengeschichte „The Mellops Go Flying“, deutsch 1978 als „Mr. Mellops baut ein Flugzeug“, das sich zum Bestseller entwickelte. 1960 begann mit der Veröffentlichung von „Der schönste Tag“ seine Zusammenarbeit mit dem Diogenes-Verlag in Zürich. In den folgenden Jahren wurde Ungerer als Cartoonist und als Autor von Kinder- und Märchenbüchern einerseits, von sarkastischen Karikaturbänden und pornografischen Satiren andererseits weltberühmt.

Kein Kuss

Seine Stärke als spottlustiger Satiriker dokumentierte erstmals der 1961 herausgebrachte Sammelband „Weltschmerz“. Ebenfalls 1961 veröffentlichte Ungerer „Die drei Räuber“, eines der berühmtesten Kinderbücher der Welt. Mitte der sechziger Jahre schockierte Ungerer die New Yorker Szene mit den Bänden „Geheimes Skizzenbuch“ und „The Party“, in denen er der Schickeria mit unbestechlicher und nicht zimperlicher Feder gnadenlos den Spiegel vorhielt. 1967 malte er politische Plakate gegen den Krieg in Vietnam. Den Ruf des drastisch-aggressiven großen Zynikers unter den Zeichnern sicherte sich Ungerer endgültig mit dem 1970 erschienenen Band „Fornicon“. In diesem später in England verbotenen Buch karikierte er Potenzwahn und Sexismus.

Ungerer im November 2011 mit einem seiner Bücher für Erwachsene

Seine unnachsichtige Kritik an der amerikanischen Gesellschaft brachte ihm für viele Jahre einen Platz auf der Schwarzen Liste der amerikanischen Einwanderungsbehörde ein. Von New York zog sich Ungerer Anfang der siebziger Jahre in die Abgeschiedenheit der kanadischen Halbinsel Neuschottland zurück, weil er von der amerikanischen Regierung und deren Vietnampolitik enttäuscht war. Auf einer Farm in der Wildnis züchtete er mit seiner dritten Frau Yvonne, die er 1970 in New York kennengelernt hatte, Schafe, Schweine und Ziegen, schlachtete und buk selbst. 1974 erschien das Kinderbuch „Kein Kuss für Mutter“, in dem er in autobiographischen Ansätzen auf die Fürsorglichkeit seiner Mutter anspielte. Nach fünfjähriger Arbeit veröffentlichte Ungerer 1975 sein „Großes Liederbuch“, in dem er über zweihundert deutsche Volks- und Kinderlieder illustrierte. Es wurde sein größter kommerzieller Erfolg und galt bereits zwanzig Jahre später als Klassiker.

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