Gruppenporträt ohne Krokodil: Eine Austellung zum Werk Ernst Kahls im Caricatura Museum

Am Strand von Dänemark muss die Brandung laut sein. So laut, dass die besorgt aufs Meer Ausschau haltende Mutter mit den beiden an sich geklammerten Kindern gar nicht mitbekommt, dass etwas weiter rechts ihr schreiender Mann in den Wellen zu ertrinken droht. Es handelt sich laut Aufschrift um ein Genrebild: „Der Hilferuf in der dänischen Malerei des 19ten Jahrhunderts“, und signiert ist es von einem gewissen Kahlsen mit der Jahreszahl 1849. Doch dahinter verbirgt sich ein höchst gegenwärtiger Künstler namens Ernst Kahl, der am kommenden Montag seinen siebzigsten Geburtstag feiern wird. Man kann verstehen, dass er bei diesem Sujet den eigenen Nachnamen danisiert und den Vornamen weggelassen hat. Mit Ernst hat das Bild nicht viel am Hut.

Andreas Platthaus

Ein Genrebild ist der große Spaß gleichwohl, wenn auch nur in einem von Kahl selbst geschaffenen Genre: dem des gemalten Hilferufs. Gleich nebenan hängt „Der Hilferuf in der japanischen Kunst des 20. Jahrhunderts“, ein Porzellanteller mit bunter Bemalung, die zwei Geishas am Ufer unter einem blühenden Baum darstellt, denen das Schreien eines vor ihnen untergehenden Mannes gleichgültig ist. Die Szene ist malerisch nicht so bewegt wie das dänische Seestück, dafür aber inhaltlich umso dramatischer. Mehr friedliche Stille als auf dem Teller, der natürlich auch von Kahl stammt, ist kaum vorstellbar. Warum verhallt dieser Hilferuf ebenfalls ungehört?

Ein ganz anderes Figurentheater hat Kahl 2016 als Kommentar zu Pegida gemalt.

Weil Kahl sich seinen Spaß mit unseren Erwartungen macht. Das fängt mit der Technik seiner Malerei an, die sich munter der unterschiedlichsten Stile bedient, aber die Form immer in den Dienst des Inhalts stellt. Wenn er „Echte Witzfiguren vor gefälschten Picassos“ zeigt, dann sind die Falsifikate bis ins Detail genau Picasso nachempfunden, während die Witzfiguren nur deshalb „echt“ genannt werden können, weil sie tatsächlich ein Witz sind: Strichmännchen, einfach in einen gemalten Museumsraum hineingezeichnet, so dass man durch sie hindurch noch den Hintergrund sieht. Einen Hund dagegen, den eine der Witzfiguren an der Leine führt, hat Kahl so schön säuberlich nachempfunden wie die falschen Picassos. Nicht nur vor diesem Bild verliert man sich in einem ständigen Vexierspiel der Bezüge.

Vor seinen gefälschten Picassos stünde man staunend

Dazu trägt entscheidend bei, welche Titel Kahl seinen Bildern gibt. Erst die Beschriftung nämlich macht diese Gemälde zur Komischen Kunst, ansonsten wären sie einfach nur Kunst, und zwar auch schon ziemlich gute. Kahl weiß jedoch, wo er Klischees bedienen muss, um Witz zu erzeugen, und dabei nimmt er keine Rücksicht auf Verluste. Vor seinen gefälschten Picassos stünde man staunend, wenn sie denn nicht Bilder im Bild wären. Aber Kahl hat kein Interesse, wie andere zu malen, wenn es nicht der Komik dient.

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