Fraktur: Die Hölle auf Erden

Dass Orte, die man sich ganz schrecklich vorstellt, gar nicht ganz schrecklich sein müssen, zeigt uns seit Anfang des Jahres auf beeindruckende Weise der Kalender des Hessischen Ministeriums für Justiz. Dessen großformatige Außen- und Innenansichten von hessischen Justizvollzugsanstalten ließen in unserem Hause schon den Gedanken keimen, ein neues Lifestyle-Magazin mit dem Titel „Schöner Sitzen“ auf den Markt zu werfen.

Berthold Kohler

Natürlich dürfte hinter den bunten Fassaden manch trauriges Schicksal verborgen sein. Aber wo soll die Resozialisierung gelingen, wenn nicht in derart liebevoll mit Stacheldraht geschmückten Gebäuden? Uns wundert es jedenfalls nicht länger, dass diese Etablissements das ganze Jahr ausgebucht sind. In ihren Mauern war bisher Pirelli der ungekrönte King of Kalender. Doch muss man jetzt wohl sagen: Pin-up ist out, es lebe der „Justizvollzug in Hessen 2019“!

Mehr bieten, als den alten Feuerzauber

Diesen Kalender vor Augen, verstehen wir auch nur zu gut, dass EU-Ratspräsident Tusk sich fragte, wie wohl der besondere Platz in der Hölle für jene aussehe, die den Brexit vorangetrieben hätten, ohne auch nur die Skizze eines Plans dafür zu haben. Denn wenn selbst der Knast in Kassel nicht mehr viel zu tun hat mit den Kerkern Caligulas, dann muss es ja vielleicht auch in der Hölle nicht mehr so zugehen, wie man das noch im Mittelalter glaubte.

Die Vorstellungen von einer Einheitshölle mit glühenden Eisen und brodelnden Bottichen scheinen uns nicht mehr ganz zeitgemäß zu sein. Für die Einfaltspinsel im 12. Jahrhundert mag das ja gereicht haben. Den ausdifferenzierten Gesellschaften von heute muss Luzifer aber mehr bieten als den alten Feuerzauber. Da ist heutzutage ja schon in jedem Fußballstadion mehr los, von den Schwefelschwaden an Silvester ganz zu schweigen.

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