Den Doktor nicht mit dem Bade ausschütten: Promotion an Fachhochschulen?

Als die Fachhochschule (FH) Anfang der siebziger Jahre als neue Hochschulform gegründet wurde, unterschied sie sich sehr deutlich von den Universitäten. Kernaufgabe der Universitäten war und ist die Wissenschaft, also Forschung und Lehre, während bei den Fachhochschulen die anwendungsbezogene Lehre und damit die Ausbildung für konkrete berufliche Tätigkeiten im Vordergrund standen und stehen. Im Übrigen haben sich die Fachhochschulen den Universitäten seither stark angenähert. So können als Folge der Bologna-Reform die Studienabschlüsse „Bachelor“ und „Master“ gleichlautend und formal gleichwertig hier wie dort erworben werden. Die in den letzten Jahren für Fachhochschulen üblich gewordene Bezeichnung als „Hochschule“, in englischer Fassung sogar als „University of Applied Sciences“, rückt sie terminologisch näher an die Universitäten.

Ein zentrales Unterscheidungskriterium und zugleich Alleinstellungsmerkmal der Universitäten war lange das ihnen vorbehaltene Promotionsrecht, also das Recht, Doktorgrade zu verleihen. Freilich bestürmen die Fachhochschulen seit etlichen Jahren dieses vermeintlich ungerechtfertigte Privileg der Universitäten. Seit kurzer Zeit können sie erste Erfolge verzeichnen. Besonders weit ist Hessen gegangen, dessen Hochschulgesetz unter anderem das Promotionsrecht der Fachhochschulen „für ihre wissenschaftlichen Fächer“ vorsieht. In Nordrhein-Westfalen scheint sich eine ähnliche Entwicklung anzubahnen. Dort hat die 2018 neu ins Amt gekommene Landesregierung eine Reform des Hochschulgesetzes auf den Weg gebracht. Sie soll den Hochschulen im Wesentlichen die – 2014 deutlich eingeschränkte – Autonomie zurückgeben, die sie 2007 durch das „Hochschulfreiheitsgesetz“ erhalten hatten. Der CDU- und der FDP-Fraktion gehen diese Pläne der von ihnen getragenen Regierung nicht weit genug. Sie haben im Februar einen Änderungsantrag eingebracht, durch den ein großer Schritt hin zu einem eigenen Promotionsrecht der Fachhochschulen gegangen werden soll. Ihr Vorschlag setzt am schon bestehenden „Graduierteninstitut“ der Fachhochschulen an, das derzeit kooperative Promotionsverfahren von Fachhochschulen mit Universitäten unterstützt und begleitet. Es soll in ein „Promotionskolleg“ umgewandelt werden. Ihm oder einzelnen seiner Fachbereiche, in die das Promotionskolleg (wie eine Hochschule) gegliedert ist, soll das Wissenschaftsministerium das Promotionsrecht verleihen können. Voraussetzung dafür ist, dass die „wissenschaftliche Gleichwertigkeit“ mit einer universitären Promotion gewährleistet ist, was durch eine Begutachtung durch den Wissenschaftsrat oder eine vergleichbare Einrichtung festgestellt werden soll.

Begründet wird der Vorschlag im Kern mit dem nicht bestreitbaren, jedoch wenig gehaltvollen Hinweis, durch die Neuregelung werde „das fachhochschulische Promotionsgeschehen unterstützt“. Aus Sicht der Politik mag er die Hoffnung wecken, in Zukunft geringeren Begehrlichkeiten der Fachhochschulen ausgesetzt zu sein. Schon diese Erwartung aber dürfte sich nicht erfüllen. Außerdem sprechen gleich mehrere Gründe gegen den Vorstoß: Er geht erstens von falschen Voraussetzungen aus, ignoriert zweitens die Realitäten des funktionenteilig gegliederten Wissenschaftssystems und verursacht drittens vorhersehbare, derzeit aber erkennbar nicht mitbedachte Kollateralschäden.

Die Zahl der kooperativen Promotionen ist noch ausbaufähig

Der erste Einwand ist, dass es keinen Bedarf für eine massive Zunahme der Promotionen gibt. Etwa 30.000 Verfahren werden in Deutschland jährlich abgeschlossen. Die Sorge, dass sie womöglich nicht alle substantiell zum wissenschaftlichen Fortschritt beitragen, wird durch eine Vergrößerung dieser Zahl zumindest nicht kleiner. Hinzu kommt, dass die Fachhochschulen schon heute hinreichend in das Promotionsgeschehen einbezogen sind. Ihre Absolventen sind ebenso promotionsberechtigt wie die Absolventen universitärer Studiengänge. Eine diesbezügliche Differenzierung verbietet das Hochschulgesetz Nordrhein-Westfalen explizit. Die Zahl der abgeschlossenen Promotionen von FH-Absolventen steigt seit der Einführung dieser Möglichkeit stetig an. Und die Fachhochschulen selbst sind über sogenannte kooperative Promotionsstudien beteiligt, zu deren Entwicklung und Durchführung Universitäten und Fachhochschulen schon heute verpflichtet sind und in deren Rahmen FH-Professoren als Betreuer und Gutachter tätig werden. Zuzugeben ist freilich, dass die Zahl der kooperativen Promotionen noch ausbaufähig erscheint. In den Jahren 2012 bis 2014 wurden – nur, aber immerhin – bundesweit 376 derartige Verfahren abgeschlossen. So oder so: Die Endentscheidung liegt aus Gründen der Qualitätssicherung und -kontrolle allein auf der universitären Seite – weil dort die maßgebliche Forschung stattfindet.

Источник: Corruptioner.life

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