Akustikprobleme im Konzertsaal: Ist die Elbphilharmonie noch zu retten?

Was hat sich da nur aufgestaut? Bei einem Konzert in der Elbphilharmonie war der Tenor Jonas Kaufmann während einer Aufführung von Gustav Mahlers symphonischem Liederzyklus „Das Lied von der Erde“ in den steil aufsteigenden Reihen hinterm Orchester kaum zu hören. Den Wut-Besuchern – „hier hört man nichts“ – rief er zornig zu: „Fragen Sie den Architekten.“ Sehr gut zu hören war der Nachhall seiner Kritik an der Akustik des Saals. Er erscholl aus der Totschlagzeile: „In der Elbphilharmonie hört man nichts. Endlich sagt es mal einer laut“ (Die Welt). Sollte da ein Problem lange beschwiegen worden sein, schon seit dem 11. Januar 2017, an dem das „Amphitheater der Tonkunst“ (Joachim Gauck) mit pomp and circumstances eröffnet wurde? Sogleich hatte es Debatten über die „gnadenlose“ Akustik gegeben: „Jeder Ton in der Elbphilharmonie“, so schrieb Eleonore Büning in der F.A.Z., „ist für sich allein unterwegs. Nichts mischt sich. Jedes noch so feine Geräusch tritt in diesem Raumkontinuum laut an die Rampe.“

„Kritiken über opening nights“, schreibt Leo Beranek in seinem Standardwerk „Concert Halls and Opera Houses“, „können das Ansehen eines Konzertsaals auf Jahre hin negativ beeinflussen.“ Dies ist der „Elphi“ widerfahren. Aus der ersten Beobachtung wurde bald ein gedanken- oder bedenkenlos wiedergekäutes Verdikt. Schon nach drei Monaten menetekelte ein Münchner Kritiker, ob die Elbphilharmonie als „Akustikdebakel in die Geschichte“ eingehen werde. Als Umwandlung von großen Erwartungen in verlorene Illusionen ist der Éclat ein Ereignis von weitreichender kultureller und politischer Bedeutung. Grund genug, die Ansichten von Akustikern wie Karlheinz Müller vom Ingenieurbüro Müller-BBM bei München und Uwe Stephenson von der Hafen City University Hamburg einzuholen. Beider Credo lautet: „Akustik ist weitgehend Physik und benötigt ein glückliches Händchen bei der baulichen Umsetzung.“ Oder nach Erfahrungen von Dirigenten wie Marek Janowski und Peter Ruzicka zu fragen, die mehrmals auf dem „von der Grundfläche viel zu kleinen Podium in einem mit dreißig Metern zu hohen Saal“, so das Monitum beider Akustiker, gestanden haben. Oder nach den Beobachtungen des Platten-Produzenten Cord Garben, der weltweit in den wichtigsten Sälen Aufnahmen mit bedeutenden Dirigenten, darunter Herbert von Karajan, gemacht hat.

Auf die Frage aller Fragen, ob denn die Elbphilharmonie, wie versprochen, zu den „zehn besten Konzertsälen der Welt“ zähle, erwidert Janowski: „Ich glaube in aller Bescheidenheit sagen zu können, zu den akustisch besten Konzertsälen der Welt gehört die Elbphilharmonie nicht.“ Aber da bei seinen Konzerten bislang „klangmächtige Werke auf dem Programm standen“, ist er gespannt, welchen Eindruck er demnächst bei „wesentlich kleineren Orchesterformationen gewinnt“. Die Hoffnung auf ein akustisches Wunderhaus an der Waterfront war im Verlauf des Bau-Marathons zum festen Versprechen und alsbald, weil wie ein Mantra wiederholt, zur Gewissheit geworden, die sich wiederum auf ein Versprechen stützte: dass Yasuhisa Toyota, dem „besten Akustiker der Welt“, das Unmögliche gelingen werde – ein perfekter Saal für klassische Symphonien von Haydn und Mozart, für die Klang-Kathedralen Bruckners, für das „tönende Universum“ von Mahlers Achter Symphonie, für die Schallorgien „einstürzender Neubauten“ oder den Poetry Slam junger Literaten.

Источник: Corruptioner.life

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